Datum:  27.03.2004

Ressort:   Immobilien

Autor:   Friederieke Krieger

Seite:  W09


Gemeinsames Wohnen

Wie junge Mieter einem Fabrikgebäude neues Leben einhauchen

BERLIN, 26. März. Seit seinem Bau im Jahre 1896 hat das rote Backsteingebäude in der Yorckstraße 59 viele Mieter gesehen: eine Bronzegießerei fand in den 300 Quadratmeter großen Fabrikhallen des Gebäudes Platz, eine Schlosserei oder eine Handstaubsauger-Firma. Doch niemand hat den Charakter des Gebäudes so verändert wie die Mitglieder des Vereins Färbung e.V., die 1989 Teile ders vierstöckigen Fabrik anmieteten.

Wenig Privatsphäre

Wo früher Bleischmelzofen und Strickmaschinen standen, richteten sie sich häuslich ein, um im Stil der 70er-Jahre mit wenig Privatssphäre zusammen zu leben. Ungefähr zwei Jahre wohnten die Vereinsmitglieder in den Fabrikhallen Bett an Bett, dann begannen sie nach und nach sich ihre Nischen zu schaffen.

Heute überrascht vor allem die Vielfalt der neuen Wohnarrangements. Jeder Bewohner gestaltete sein Eckchen nach seinem persönlichen Geschmack. So sieht jede der sechs Wohnungen, in denen durchschnittlich sieben bis acht Leute leben, anders aus. "Manche haben größere Gemeinschaftsräume, andere haben auf große Einzelzimmer Wert gelegt", erklärt Karin Sallmann, die in der Wohngemeinschaft im vierten Stock lebt.

In ihrer WG gibt es ein großes Wohnzimmer, das durch verwinkelte Glasscheiben von der Küche abgetrennt ist. An den Wänden der ehemaligen Fabrikhalle reihen sich die Schlafzimmer aneinander. Viele Bewohner schlafen zwischen Decke und Boden - schließlich soll der Raum bis zu der sechs Meter hohen Decke auch möglichst sinnvoll ausgenutzt werden.

Regelmäßige Treffen

Die Fabrik, die sich hier einmal befand, verrät nur ein noch vorhandener Lastenaufzug in der Küche. Der führt nicht in den Flur einer anderen Etage, sondern Räumen der nächsten Wohngemeinschaft, in denen es bauliche Schätze wie ein in die Kacheln eingelassener Mosaikfisch gibt. Eintreten ist erlaubt, denn auch, wenn jeder Bewohner der Yorckstraße 59 inzwischen sein eigenes Zimmer hat, steht die Idee der großen Gemeinschaft immer weiter stark im Vordergrund. Regelmäßige Treffen der Hausbewohner sowie gemeinsame Partys im hauseigenen Veranstaltungsraum gehören ebenso dazu wie das Kleiderregal im Hausflur.

Dort kann jeder Bewohner seine Sachen, die er nicht mehr leiden mag, deponieren und sich mit den Kleidungstücken eines anderen Bewohners eindecken.

(Berliner Zeitung vom 27.03.2004)
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