Gemeinsames Wohnen
Wie junge Mieter einem Fabrikgebäude neues Leben
einhauchen
BERLIN, 26. März. Seit seinem Bau im Jahre 1896 hat das rote
Backsteingebäude in der Yorckstraße 59 viele Mieter gesehen: eine
Bronzegießerei fand in den 300 Quadratmeter großen Fabrikhallen des
Gebäudes Platz, eine Schlosserei oder eine Handstaubsauger-Firma. Doch
niemand hat den Charakter des Gebäudes so verändert wie die Mitglieder des
Vereins Färbung e.V., die 1989 Teile ders vierstöckigen Fabrik anmieteten.
Wenig Privatsphäre
Wo früher Bleischmelzofen und
Strickmaschinen standen, richteten sie sich häuslich ein, um im Stil der
70er-Jahre mit wenig Privatssphäre zusammen zu leben. Ungefähr zwei Jahre
wohnten die Vereinsmitglieder in den Fabrikhallen Bett an Bett, dann
begannen sie nach und nach sich ihre Nischen zu schaffen.
Heute
überrascht vor allem die Vielfalt der neuen Wohnarrangements. Jeder
Bewohner gestaltete sein Eckchen nach seinem persönlichen Geschmack. So
sieht jede der sechs Wohnungen, in denen durchschnittlich sieben bis acht
Leute leben, anders aus. "Manche haben größere Gemeinschaftsräume, andere
haben auf große Einzelzimmer Wert gelegt", erklärt Karin Sallmann, die in
der Wohngemeinschaft im vierten Stock lebt.
In ihrer WG gibt es
ein großes Wohnzimmer, das durch verwinkelte Glasscheiben von der Küche
abgetrennt ist. An den Wänden der ehemaligen Fabrikhalle reihen sich die
Schlafzimmer aneinander. Viele Bewohner schlafen zwischen Decke und Boden
- schließlich soll der Raum bis zu der sechs Meter hohen Decke auch
möglichst sinnvoll ausgenutzt werden.
Regelmäßige
Treffen
Die Fabrik, die sich hier einmal befand, verrät nur ein
noch vorhandener Lastenaufzug in der Küche. Der führt nicht in den Flur
einer anderen Etage, sondern Räumen der nächsten Wohngemeinschaft, in
denen es bauliche Schätze wie ein in die Kacheln eingelassener Mosaikfisch
gibt. Eintreten ist erlaubt, denn auch, wenn jeder Bewohner der
Yorckstraße 59 inzwischen sein eigenes Zimmer hat, steht die Idee der
großen Gemeinschaft immer weiter stark im Vordergrund. Regelmäßige Treffen
der Hausbewohner sowie gemeinsame Partys im hauseigenen Veranstaltungsraum
gehören ebenso dazu wie das Kleiderregal im Hausflur.
Dort kann
jeder Bewohner seine Sachen, die er nicht mehr leiden mag, deponieren und
sich mit den Kleidungstücken eines anderen Bewohners eindecken.
(Berliner Zeitung vom 27.03.2004) link zur originalveroeffentlichung bei
http://www.berlinonline.de
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