Früher hingen hier Transparente aus den Fenstern. Wer genau hinschaut, sieht
noch einige Reste zwischen den Fenstern des roten Backsteingebäudes. Die
Bewohner des alternativen Hausprojektes yorck59 mussten sie abnehmen. Aus
Brandschutzgründen.
Das ist die offizielle Version. Im Haus wird
vermutet, dass der neue Vermieter eine weitere Möglichkeit zur Schikane gefunden
hat. "Der sammelt außerordentliche Kündigungsgründe", sagt die Bewohnerin
Tina.
Tina lebt schon seit 15 Jahren in der Yorckstraße 59. Sie war 1989
dabei, als es losging. Sie hat Wände rausgerissen, neu gezogen, Bäder gezimmert,
Küchen eingerichtet. Kurz: Sie half, aus einem alten Industriegebäude eine neue
Heimat für 60 Menschen zu schaffen, die "selbstbestimmt und alltagswiderständig"
leben wollten.
In acht Wohngemeinschaften, je zwei auf einer Etage, leben
jetzt sechzig Bewohner zusammen, darunter zehn Kinder. Die
Fremdsprachensekretärin Elli findet vor allem die "linke Lebensweise" im
Hausprojekt reizvoll. Wieder in eine "normale Mietwohnung" zu ziehen kann sie
sich nicht vorstellen.
Ebenso Maja, die demnächst Mutter wird: "Hier
hast du keine nervigen Nachbarn und kannst politische Sachen zusammenmachen."
Im Hausplenum diskutieren sie alles - von der Heizkostenabrechnung bis
zum Demobündnis. Das sei zwar manchmal langwierig und ermüdend, stärke aber die
Geschlossenheit, so der Psychotherapeut Bertram, der auch im Haus
lebt.
Neben dem Zusammenleben steht politisches und kulturelles
Engagement im Mittelpunkt. Die Antirassistische Initiative (ARI), die hier von
Anfang an ihren Sitz hatte, unterstützt zum Beispiel Flüchtlinge. "Unsere Arbeit
ist ohne das Haus kaum vorstellbar", sagt Daphne von der ARI. So würden etwa
Tagungen und Seminare in den beiden "Projekttagen" stattfinden.
Doch im
letzten Jahr wurde das Haus verkauft. Der alte Vermieter war Pleite. Der neue
Eigentümer, Marc Walter aus Hamburg mit seiner Firma Yorckstraße 59 GbR, lässt
das Haus von der hiesigen Firma Bau-Partner GmbH verwalten. Den Bewohnern
zufolge begannen damit die Schikanen. Sie sollten den Hof räumen, auf dem
regelmäßig Treffen und Feste stattfinden. Aufgehängte Plakate werden regelmäßig
entfernt. Tina sagt: "Da wird jeder Vorwand genutzt, uns
einzuschränken."
Die Bewohner hatten versucht, das Haus selbst zu kaufen.
"Aber unser Angebot wurde von der Bank komplett ignoriert", erzählt Tina. Da der
Mietvertrag im September ausläuft, muss nun neu verhandelt werden. "Die wollen
die Miete verdoppeln. Das können wir nicht bezahlen", sagt Tina. Besonders
prekär für die Bewohner: Sie haben aus formalen Gründen nur einen
Gewerbemietvertrag und genießen deshalb nicht den bei Privatwohnungen üblichen
Kündigungsschutz.
Gregor Marweld von der Firma Bau-Partner sagt: "Der
Eigentümer hat den Mietern ein Angebot gemacht, das sie abgelehnt haben." Ein
Gegenangebot der Bewohner habe es nicht gegeben. Nun sei "gemäß Mietvertrag" ein
Schiedsgutachter von der Industrie- und Handelskammer beauftragt worden. Der
soll den "marktüblichen" Preis herausfinden.
Die Bewohner wiederum
fordern einen runden Tisch mit allen Beteiligten. Das hat schon einmal geklappt:
Bei einem früheren Mietkampf im Jahr 1994 war der Druck auf den damaligen
Vermieter so groß geworden, dass er nachgeben musste.
Auch jetzt hat
sich der Bezirk eingeschaltet. Die Bezirksverordnetenversammlung (BVV)
verabschiedete im Juni eine Resolution, wonach das Bezirksamt "alles
Erforderliche" tun solle, "um das Projekt zu erhalten."
Am morgigen Samstag veranstalten die Bewohner ab 15 Uhr ein Soli-Fest, um auf sich aufmerksam zu machen.
Infos: http://www.yorck59.net/
(taz 30.07.04)