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Presse   zurück zur Ergebnisliste  oder  zurück zur Übersicht 13.09.2004 
Städtepartnerschaft für Wohnen und Obdach

1.000 Menschen demonstrieren für Bauwagenplätze und
Berliner Wohnprojekt "Yorck 59" in der Hamburger City.
Prophezeite Randale blieben aus
Enttäuschung bei den Boulevardmedien, da es keinen
Krawall gegeben hat. Frustration bei vielen
PolizistInnen, die trotz Überstundenberg dauernd zu
martialischen Einsätzen beordert werden. "Das wäre
doch eine Sache für zwei Streifenwagen gewesen,"
klingt es aus den Reihen einer Alarmhundertschaft.
Hingegen Genugtuung bei den Veranstaltern der
Protestdemo gegen die Räumung des Bauwagenplatzes
Wendebecken, als der Zug ohne Zwischenfälle den nahen
City-Bereich verlässt. "Nach zwei Jahren Demo-Verbot
hat sich gezeigt, dass der Hamburger Senat diese Linie
nicht mehr durchhalten kann." Rund 1.000 Menschen sind
trotz prasselnden Platzregens - nach einer weiteren
Protestaktion - durch die Innenstadt gezogen und haben
für eine Legalisierung des Wohnens in rollenden
Unterkünften protestiert. Die Parole: "Deutschland
verrecke, für das Wendebecken."

Es war sozusagen ein Novum: Aus zwei Städten gingen
Menschen am Samstag gemeinsam zu zwei
unterschiedlichen Themenbereichen auf die Straße, aber
unter einem gemeinsamen Nenner: Wohnen und Obdach.

Die BewohnerInnen des Berliner Wohnprojekts
Yorckstraße 59 hatten ihren Protest lange vorbereitet.
100 BerlinerInnen sind dann auch von der Spree an die
Elbe gekommen, um dem neuen Eigentümer Marc W. in der
Martin-Luther-Straße einen Besuch abzustatten. Er hat
das Haus "Yorck 59" , in dem sich seit 15 Jahren das
Wohnprojekt mit 60 Menschen - darunter zehn Kindern
und politischen Initiativen befindet - wegen Insolvenz
des Voreigentümers gekauft. Kurzerhand versucht er die
Miete profitorientiert um 50 Prozent anzuheben.
Gleichzeitig verlangt er, dass seine Mieter jede Form
politischer oder sozialer Äußerungen unterlassen. Ein
Sprecher: "Das finden wir scheiße, dann hätte der
Yuppie unser Haus nicht kaufen dürfen."

In die Planung dieser Demo platzte die Räumung des
Bauwagenplatzes Wendebecken. 1.400 PolizistInnen
hatten - wie berichtet - am Mittwoch den Platz
gestürmt und nach fünf Jahren geräumt. Seither sitzen
die Bewohner, deren rollende Unterkünfte zum Teil
beschlagnahmt worden sind, auf der Straße. Eine
Vollversammlung verschiedener Initiativen hatten daher
am Donnerstag in der Roten Flora beschlossen, den
Samstag für einen öffentlichen Protest zu nutzen. So
verständigte man sich mit dem Berliner Hausprojekt,
den Protest zwar nicht direkt zusammenzulegen, dennoch
gemeinsam zu agieren. Was die Bild dazu nutzte, eine
Kampagne gegen die Berliner "Krawall-Touristen" zu
starten.

Angeführt von Bambule-Wohntrucks marschierten nach der
"Yorck 59"-Demo 1.000 Menschen vom Hachmannplatz über
den Ballindamm und Jungfernstieg durch die City. Die
Bambulisten aus dem Karo-Viertel sind im November 2002
geräumt worden und kämpfen noch immer - wie jetzt das
Wendebecken - um einen neuen Platz.

Daran wird zurzeit hinter den Kulissen gearbeitet.
Denn bis zur Räumung, zu der der Bezirk Nord vom Senat
gezwungen worden ist, gab es einen Investor, der
bereit gewesen wäre, den Leuten einen Platz zur
Verfügung zu stellen. Dass dies nach dem
Bauwagengesetz nicht möglich sei, bestreitet der
SPD-Bezirkspolitiker Peter Tschentscher energisch.
"Genau dafür ist das Bauwagengesetz vorgesehen", sagt
der Bezirk-Nord-Abgeordnete. "Es ist unglaublich, wie
mit den jungen Leuten umgegangen wird", wetterte er in
der Bezirksversammlung. "Das war die liebste
Bauwagengruppe in ganz Deutschland." " KAI VON APPEN

taz Hamburg Nr. 7460 vom 13.9.2004, Seite 21, 115
Zeilen (TAZ-Bericht), KAI VON APPEN

 


Quelle: taz hh, 13.09.2004
 
von: rabe