Beseitigungsanordnungen und durchgeschnittene Telefonkabel
Neues vom Kampf um Häuser und Wagenburgen
Als die Artisten Feuer spuckten, war die Geduld der Polizei am
Ende: Innerhalb weniger Minuten erzwang sie am 22. Oktober die
Beendigung einer Varieté-Aufführung am Schlesischen Tor in
Kreuzberg. Diese bildete den Abschluß einer bunten „Fahrradrallye
gegen Umstrukturierung". Hintergrund der Aktion ist die prekäre Lage
mehrerer linker Wohnprojekte.
So ist die Zukunft der Wagenburg „Schwarzer Kanal" weiterhin
ungesichert. Obwohl die Bewohner bekanntlich über einen
Nutzungsvertrag für ihr Grundstück an der Michaelkirchstraße
verfügen, geben die Betreiber des benachbarten Bürokomplexes
„Spree-Carree" keine Ruhe. Nachdem diese im letzten Herbst eine
vollständige Räumung des Grundstückes Köpenicker Straße 54
durchsetzten (s. scheinschlag 9/03), fordern sie seit dem Frühjahr
unter Berufung auf die bestehende Bauordnung eine vollständige
Räumung der Wagenburg. Aufgrund der düsteren Rechtslage sah sich der
Bezirk gezwungen, im März eine Beseitigungsanordnung auszusprechen
diese wird nun vom „Schwarzen Kanal" juristisch angefochten.
Das ständige Hin und Her zerrt nicht nur an den Nerven der Bewohner.
Es belastet auch deren Geldbeutel, insbesondere seit das zuständige
Gericht den Streitwert auf 50000 Euro erhöhte und damit allen im
Rechtsstreit entstehenden Kosten kräftigen Auftrieb gab. Eine
Einigung zwischen den Büroverwaltern und der Wagenburg kann wohl
ausgeschlossen werden, da hier Überzeugungstäter am Werk sind.
Dies gilt auch für den Konflikt zwischen den Bewohnern des
Hinterhauses der Yorckstraße 59 in Kreuzberg und deren neuem
Hausbesitzer. Das Hinterhaus der Yorckstraße 59 wurde vor 15 Jahren
gemietet und ausgebaut, ein Hausverein sicherte seitdem die
weitgehende Selbstverwaltung. Mittlerweile leben dort nicht nur 60
Menschen, es sind auch einige wichtige politische Initiativen in dem
Projekt angesiedelt, u.a. die Antirassistische Initiative (ARI), das
Anti-Hartz-Bündnis und selbstorganisierte Flüchtlingsgruppen.
Nachdem der vorherige Hausbesitzer pleite ging, stand die
Yorckstraße 59 im letzten Jahr unter Zwangsverwaltung. Schon zu
diesem Zeitpunkt bemühten sich die Bewohner um einen Kauf des
Objekts.
Die zweite Zwangsversteigerung, auf der sie mitbieten wollten,
wurde aber abgesagt, und im Januar diesen Jahres tauchte plötzlich
ein neuer Besitzer, Marc Walter aus Hamburg, auf. Da dieser um die
Situation und Bewohnerschaft der Yorckstraße 59 wußte, war wie
in ähnlich gelagerten Fällen (z.B. Rigaer Straße 94) Grund zur
Skepsis gegeben. Daß diese nicht unbegründet war, zeigte denn auch
eine baldige Mieterhöhungsforderung von 100 Prozent. Im folgenden
Schiedsverfahren wurde die Mieterhöhung zwar auf 55 Prozent gesenkt,
doch auch dies ist für die Bewohnerschaft aufgrund der umfangreichen
Gemeinschaftsflächen und Projekträume nicht tragbar. Außerdem
verlangte Eigentümer Walter, daß der Hausverein einen Vertrag
unterzeichnet, in welchem er einen „freiwilligen" Auszug nach fünf
Jahren garantiert. Derart unakzeptable Forderungen machten eine
Einigung unmöglich, und so lief der alte Mietvertrag für den
Hausverein am 30. September aus.
Seitdem versuchen der Eigentümer und die von ihm beauftragte
Hausverwaltung, die Bewohner des Hinterhauses der Yorckstraße 59
durch individuelle Räumungsklagen zu vertreiben. Und wie so oft
häufen sich plötzlich seltsame Gegebenheiten: Telefonkabel werden
zerschnitten, im Hof stehende Fahrräder beschädigt, Bewohner nachts
von Unbekannten beschimpft und bedroht. Da dem Bezirk außer einer
unverbindlichen Solidaritätserklärung der BVV
Friedrichshain-Kreuzberg nicht viel einfällt, bleibt den betroffenen
Menschen und Projekten nur die Möglichkeit, den Spekulanten Walter
durch öffentlichkeitswirksame Aktionen zu einem Verkauf des
Hinterhauses zu bewegen. Denn die Idee, daß Hinterhaus gemäß eines
Modells des Freiburger Mietshäuser-Syndikats zu kaufen und zu
sanieren, verfolgen die Bewohner der Yorckstraße 59 noch immer.
Relativ günstig hat sich hingegen zuletzt die Lage für die
Wagenburg „Laster & Hänger" in Friedrichshain entwickelt. Der
Standort der Wagenburg an der Revaler Straße war gefährdet, da die
Diskussion aufgekommen war, die Fläche mit Mitteln des Programms
„Soziale Stadt" für den Freizeitsport herzurichen. Dieser vom Senat
und der SPD-Fraktion in der BVV lancierte Vorschlag hätte wohl nur
mit einer Räumung von „Laster & Hänger" realisiert werden
können. Der Bezirk wird aber weiterhin an seinem Planungsziel
festhalten, dort einen für Schulen nutzbaren Sportplatz zu
errichten. Da ein Erwerb der hierfür benötigten Privatflächen jedoch
vorerst nicht möglich ist und Baustadtrat Schulz (Bündnis 90/ Die
Grünen) ohnehin keine zumutbare Ersatzfläche für die Wagenburg
„Laster & Hänger" sieht, können deren Bewohner optimistisch ins
neue Jahr sehen.
Thorsten Friedrich
Vom 13. bis zum 18. Dezember findet im Hinterhaus der
Yorckstraße 59 eine Kunst- und Kulturwoche zum Thema städtische
„Umstrukturierung" statt. Vorgesehen sind Ausstellungsprojekte,
Filmvorführungen, ein Kindertag und vieles mehr. Informationen unter
www.yorck59.net