ND vom 05.01.05     Druckausgabe eines Artikels

Alternatives Projekt einfach zugemauert
Yorckstraße 59: Auseinandersetzung spitzt sich zu 
 
Von Bernd Kammer 
 
Die Situation in der Yorckstraße 59 eskaliert. Sinnigerweise zum Fest der Nächstenliebe ließ die Hausverwaltung Räume des alternativen Wohnprojektes zumauern. Ein »Bekennerschreiben« wurde an die Tür gepinnt: »Dies ist das Büro von Malermeister Lampert.« An ihn sollen die Räume zum 1. Januar 2005 vermietet sein. »Rechtswidrig«, sagen die 60 Bewohner, die seit 1989 für vier Etagen des einstigen Fabrikgebäudes einen Gewerbemietvertrag besitzen. Die Polizei habe sich geweigert, eine Anzeige aufzunehmen, so Bewohnerin Katja Krüger. Stattdessen sei, nachdem sie die Mauern nach Weihnachten wieder eingerissen hatten, Verwalter Boris Gregor Marweld mit Polizeiverstärkung aufgetaucht, um die Schlösser auswechseln zu lassen. Die Polizei nahm die Schlüssel in Verwahrung und rückte sie auch nach Intervention der Bewohneranwälte nicht heraus. Deshalb habe man wieder zur Selbsthilfe greifen müssen, so Krüger.
Bei den von der Hausverwaltung beanspruchten Räumen handelt es sich ausgerechnet um jene der Antirassistischen Initiative (ARI), einem gemeinnützigen Verein, der seit zehn Jahren einen Teil der dritten Etage des Fabrikgebäudes nutzt. Gegen ihn hat Hauseigentümer Marc Walter eine Räumungsklage angestrengt, über die aber noch nicht entschieden ist. »Völlig absurd, die ARI kann nicht verklagt werden, weil sie Teil unseres Wohnprojektes ist«, sagt Krüger. »Sie wohnen bei uns, wir arbeiten bei ihnen mit. Ein Extra-Mietverhältnis gibt es nicht.«
Der Ärger begann für das Wohnprojekt vor etwa einem Jahr, als die Yorckstraße 59 den Besitzer wechselte und dabei nicht die Mietergemeinschaft selbst, sondern Marc Walter den Zuschlag erhielt. Seitdem sei man ständigen Schikanen ausgesetzt, von aufgebrochenen Briefkästen über tätliche Angriffe bis hin zu herausgerissenen Telefonkabeln. Schließlich kündigt Walter eine Verdoppelung der Miete an. Nach einem IHK-Kompromiss-Gutachtens soll sie noch um 55 Prozent auf 3,57 Euro netto/kalt steigen. »In jedem Fall unbezahlbar«, befinden die Bewohner. Stattdessen wollen sie die Immobilie auf dem Hinterhof für 760000 Euro selbst kaufen. Auf das Angebot habe Walter bisher aber nicht reagiert.
Ein Problem ist, dass die Bewohner einst einen Gewerbemietvertrag abgeschlossen hatten, in dem die Wohnnutzung festgeschrieben ist. Gerichtlich soll jetzt geklärt werden, ob die einst von den Mietern für ihre Bedürfnisse selbst hergerichteten Etagen wie Wohnräume zu behandeln sind. Dann wären solch exorbitante Mieterhöhungen ausgeschlossen. »Wir verlangen eine politische Lösung, damit man uns nicht einfach auf die Straße setzen kann«, sagen sie.

(ND 05.01.05)

top
© ND GmbH 2005 - Der Inhalt dieser Seiten ist urheberrechtlich
geschützt. Die Nachrichten sind nur für die persönliche Information bestimmt. Jede weitergehende Verwendung, insbesondere die Speicherung in Datenbanken, Veröffentlichung, Vervielfältigung und jede Form von gewerblicher Nutzung sowie die Weitergabe an Dritte - auch in Teilen oder in überarbeiteter Form - ohne Zustimmung der Neues Deutschland Druckerei und Verlag GmbH sind untersagt.
Kontakt zur Redaktion redaktion@nd-online.de,  ND-Online wird produziert mit: ONE2Publish