ND vom 19.03.05     Druckausgabe eines Artikels

Körting will Räumung verhindern
Bewohner des Hauses Yorckstraße 59 besetzten Bezirksamt / Dem Eigentümer Ersatz angeboten 
 
Von Andreas Heinz 
 
Plakative Forderung: Bewohner des Hauses Yorckstraße 59 machen am Bezirksamt in Kreuzberg mit einem Transparent auf sich aufmerksam.
ND-Foto: Burkhard Lange
Ist das Haus Yorckstraße 59 in Kreuzberg doch noch vor der drohenden Räumung zu retten? Nach der friedlichen Besetzung des Bezirksamtes in Kreuzberg können die Bewohner des Hinterhof-Backsteingebäudes zumindest einen Teilerfolg verbuchen. Innensenator Ehrhart Körting (SPD) und Bezirksbürgermeisterin Cornelia Reinauer (PDS) versicherten den etwa 100 Besetzern während eines einstündigen Gesprächs, nochmals mit dem Hauseigentümer zu reden, um die Rücknahme der Räumungsklage und eine »friedliche Lösung des Konflikts« zu erreichen. Reinauer hatte den Besetzern Bleiberecht bis gestern Mittag eingeräumt.
»Der Innensenator hat dem Hauseigentümer Marc Walter Ersatzobjekte aus dem Liegenschaftsfonds angeboten«, berichtete Reinauer gestern den Bewohnern des Hausprojekts »Yorck 59« im Rathaus. Doch bislang habe der Hamburger Unternehmensberater alle Angebote abgelehnt. Ein Kauf des Gebäudes durch die jetzigen Mieter sei an den Forderungen des Eigentümers gescheitert. »Er will zweieinhalb Millionen Euro haben. Das ist einfach zu viel für uns«, erklärte »Yorck 59«-Sprecherin Linda Wagner gestern im BVV-Saal des Bezirksamtes in der Yorckstraße.
»Ehrhart Körting und ich werden heute Nachmittag noch einmal mit Herrn Walter reden«, versicherte Bürgermeisterin Reinauer gestern. Auch der Innensenator habe kein Interesse an einer weiteren Eskalation und wolle eine Räumung des Hauses Yorckstraße 59 verhindern. »Wir wollen versuchen, mehr Luft zu bekommen, um weitere Ersatzobjekte anbieten zu können.« Körting habe außerdem zugesichert, sich am kommenden Mittwoch nochmals mit den Bewohnern zusammenzusetzen. An dem Gespräch wolle auch Wirtschaftssenator Harald Wolf (PDS) teilnehmen.
»Der Innensenator kann einen Räumungsstopp aussprechen«, ist sich die Sprecherin von »Yorck 59« sicher. Körting halte ein »zeitlich begrenztes Räumungsmoratorium« für möglich. Ansonsten könne in etwa vier Wochen der Gerichtsvollzieher vor der Türe stehen.
Seit Dezember 2003 heißt der Eigentümer Marc Walter. Seitdem eskaliere die Situation in dem Haus, in dem sich das alternative Wohnprojekt seit 16 Jahren befindet, immer wieder. Mieter berichteten gestern: »Es gab drastische Mieterhöhungen um 55 Prozent. Am letzten Wochenende wurden unangekündigt Wasser und Heizung abgestellt. Der Hausverwalter drohte mit der sofortigen Beauftragung des Gerichtsvollziehers.«
Ein anderer Bewohner zählt weiter auf: »Um uns zu drangsalieren, wurden Telefonkabel durchschnitten, Fahrradreifen zerstochen und uns die Nutzung des Innenhofs verboten. In der Nacht zum 24.Dezember vorigen Jahres ließ der Eigentümer die Fluchttüren des Hinterhauses durch eine Firma aufbrechen und zumauern.« Walter begründe seine Aktionen mit dem »ungeklärten Mietstatus« der Bewohner. Im Juli 2004 hatte die Bezirksverordnetenversammlung mitgeteilt: »Die BVV unterstützt das Hausprojekt Yorck 59 einschließlich der Projektkultur. Das Bezirksamt wird aufgefordert, alles Erforderliche zu tun, um das Projekt zu erhalten und damit die Vielfalt unterschiedlicher Lebenskulturen und Lebensweisen im Bezirk zu ermöglichen und direkt zu befördern«.
Das Wohnprojekt entstand 1989 in einer ehemaligen Fabrik für Tortenspitzendeckchen. Nach Abschluss eines Mietvertrages wurden die vier Etagen zu Wohn- und Arbeitsräumen umgebaut. Mittlerweile leben hier 60 Menschen. Zum Beispiel haben hier die Anti-Rassistische Initiative, das Radioprojekt Onda und das Anti-Hartz-Bündnis ihre Büros. Sie alle wollen weiter in diesem Haus bleiben, denn »vorrangig ist der Erhalt der Projekte an diesem Ort«, so Linda Wagner.

(ND 19.03.05)

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