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19.03.2005
 
Inland
Interview: Peter Wolter
 
»Wir haben über Nacht das Rathaus besetzt«
 
Von Räumung bedrohte Hausbewohner der Yorck 59 in Berlin-Kreuzberg ließen sich auf den Fluren nieder. Politische Lösung wird angestrebt. Ein Gespräch mit Jörg Schildmann
 
* Jörg Schildmann wohnt im Haus Yorckstraße 59 in Berlin. In dem Gebäude leben und arbeiten 60 Menschen, viele alternative Gruppen tagen dort. Jetzt soll es geräumt werden – was die Bewohner sich aber nicht gefallen lassen wollen.


F: Rund 100 Bewohner und Sympathisanten des von der Räumung bedrohten Hauses Yorckstraße 59 haben am Donnerstag das Rathaus des Berliner Bezirks Friedrichshain-Kreuzberg besetzt. Wie lange ging das gut?

Wir sind über Nacht im Rathaus geblieben und haben dort auf Isomatten und in Schlafsäcken übernachtet. Es gab Musik und Tanz, wir haben Filme gezeigt. Unsere Volxküche war auch da – für Verpflegung war also gesorgt. Von 15 bis 19 Uhr ist donnerstags offizielle Sprechstunde im Rathaus, es hat uns also nicht an Publikum gefehlt. Freitag mittag, nach einer Pressekonferenz, haben wir die Besetzung vorläufig aufgehoben.

F: Wie reagierten die Beschäftigten im Rathaus und die Besucher auf die Besetzung?

Gemischt. Einige gaben sich Mühe, uns zu übersehen, viele andere jedoch waren sehr interessiert. Wir haben denen erläutert, daß es uns darum geht, unser seit 1988 bestehendes Hausprojekt als Wohn-, Lebens- und Arbeitsform zu erhalten. In dem Gebäude wohnen immerhin 60 Personen, darunter zehn Kinder. Dort haben zahlreiche politische Initiativen ihren Sitz, dort gibt es Räume für Veranstaltungen und Diskussionen. Vor einem Jahr stand das Haus zum Verkauf an. Wir – die Bewohner – wollten es kaufen, letztlich entschied sich die Bank aber für einen Hamburger namens Marc Walter. Der hat dann erst einmal versucht, unsere Mieten zu verdoppeln. Weil wir uns dem nicht gebeugt haben, will er uns jetzt aus dem Hause werfen.

F: Wie man hört, mit nicht gerade feinen Methoden ...

Seit Monaten terrorisiert uns die Hausverwaltung. Da wurden Fahrradreifen aufgeschlitzt, Türschlösser verklebt, Telefonleitungen durchgeschnitten. Es wurde auch schon mal über Nacht eine Tür zugemauert, oder Bewohner des Hauses wurden tätlich angegriffen. Höhepunkt war das vorige Wochenende, als uns die Hausverwaltung für fast drei Tage Heizung und Wasser abstellte.

F: Und was sagt die Politik dazu?

In Gesprächen mit Bezirksbürgermeisterin Cornelia Reinauer (PDS) versuchen wir seit längerem, eine Lösung zu finden. Nachdem wir das Rathaus besetzt hatten, fuhr sie zum Abgeordnetenhaus und kam mit Innensenator Ehrhart Körting (SPD) zurück – immerhin oberster Polizeichef in Berlin. Es gab dann ein einstündiges Gespräch, in dem Körting betonte, daß auch er eine friedliche Lösung des Konflikts anstrebe. Er versprach, noch am Freitag den Hausbesitzer anzurufen und ihn zu drängen, endlich das Angebot des städtischen Liegenschaftsfonds anzunehmen, der ihm im Ringtausch eine andere Immobilie überlassen will.

F: Gibt es Solidarität in der Bevölkerung?

Seit einem Jahr sind wir massiv in der Öffentlichkeit präsent. Aus der linken Szene in Berlin gibt es breite Unterstützung, auch von anderen Hausprojekten, Vereinen und Initiativen. Viele Nachbarn zeigen sich solidarisch – da hängen mitunter Transparente aus den Fenstern. Auch außerhalb Berlins gibt es viel Unterstützung, vor allem aus Hamburg. Wir haben außerdem bundesweit auf unser Problem aufmerksam gemacht, etwa mit einem Extrablatt, das am Montag u. a. der jW beilag.

F: Wer ist die Gruppe »Schwarzer Kanal«, die sich an der Besetzung beteiligte?

Das sind die Bewohnerinnen einer Wagenburg, die vor Jahren dem Neubau des ver.di-Gebäudes weichen mußte. Jetzt sollen sie wieder vertrieben werden – sie wollen aber entweder an dem jetzigen Platz bleiben oder ein anderes Gelände in näherer Umgebung zugewiesen bekommen. An unserer Pressekonferenz nahmen auch Mitglieder der Offenen Uni Berlin teil, die ebenfalls von der Räumung bedroht ist. Es gibt viele, die ähnliche Interessen haben wie wir – wenn wir zusammenhalten, läßt sich einiges durchsetzen.
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