Yorck 59: Bewohner wollen bleiben
Vor dem 1. Mai droht eine Konfrontation zwischen Staatsmacht und linker Szene - Gespräch mit Körting ohne Ergebnis
"Wir können auch böse - Pfoten weg von Yorck 59" heißt es auf einem Transparent an der Fassade, mit roter Farbe ist die Losung "Miethaie zu Fischstäbchen" gesprüht. Die Ansage der Bewohner ist eindeutig: Freiwillig werden sie ihr Domizil an der Yorckstraße 59 nicht verlassen.
Ausgerechnet im direkten Vorfeld des 1. Mai droht damit in Kreuzberg eine Konfrontation der Staatsmacht mit der alternativen Szene. Im Brennpunkt: das Projekt "Yorck 59". Seit 16 Jahren nutzen die Verfechter alternativer Wohn- und Lebensformen ein früheres Fabrikgebäude im Hinterhof der Yorckstraße 59. Derzeit leben in acht Wohngemeinschaften etwa 60 Bewohner, darunter zehn Kinder. Aber auch Gruppierungen wie ein Anti-Hartz-Bündnis und die Antirassistische Initiative haben dort ihre Anlaufpunkte. Jetzt soll das Haus nach dem Willen des Eigentümers geräumt werden. Wenn es sein muß, mit Polizeigewalt.
Dem voraus gingen monatelange Auseinandersetzungen um die Wohnberechtigung und den zu zahlenden Mietzins für die fast 2700 Quadratmeter genutzte Wohn- und Gewerbefläche. Der neue Hauseigentümer, ein Hamburger Geschäftsmann, forderte mit Verweis auf einen Vertrag von 1999 und nach einem Gutachterverfahren eine neue Nettokaltmiete von 3,75 Euro pro Quadratmeter, die Bewohner der "Yorck 59" wollten dagegen wie zuvor nicht mehr als 2,39 Euro zahlen. Auch Gespräche über einen Verkauf des Hauses scheiterten. Während der Eigentümer von einem Verkehrswert in Höhe von 2,5 Millionen Euro für das sanierungsbedürftige Haus ausgeht, bot die Wohninitiative nach eigenen Angaben erst 700 000 Euro, später eine Million Euro an. Für den Hauseigentümer unakzeptabel. In den folgenden Rechtsauseinandersetzungen urteilte das Landgericht im Dezember 2004, daß das Objekt Yorckstraße 59 zu räumen und an den Eigentümer herauszugeben sei.
Als in der Vorwoche Bewohner und Sympathisanten der "Yorck 59" zeitweilig das Kreuzberger Rathaus besetzten, schaltete sich auch Berlins Innensenator Ehrhart Körting (SPD) in den Streit ein. Gestern mußte er einräumen, daß die Gespräche ohne Ergebnis blieben. Dabei wurden dem Vermieter unter anderem Immobilien aus dem Bestand des Liegenschaftsfonds zum Tausch angeboten. "Es ist nicht erkennbar, daß Mieter und Vermieter zu einer einvernehmlichen Regelung kommen", sagte Körting gestern nach Gesprächen mit beiden Seiten. Es gebe eine klare Rechtslage zugunsten des Hauseigentümers. Jetzt könne es nur noch darum gehen, daß das Wohnprojekt Alternativangebote des Bezirks nutze und möglichst friedlich ausziehe. Wenn der Gerichtsvollzieher Amtshilfe von der Polizei benötige, werde er diese auch bekommen. Ein angebliches Ultimatum für einen Auszug innerhalb von fünf Wochen bestätigte der Innensenator indes nicht. "Hierbei geht es schon aufgrund gesetzlicher Fristen um die nächsten zwei Monate", so Körting.
Die Hausverwaltung kündigte gestern an, daß sie an einem "schnellstmöglichen Auszug" der Bewohner interessiert sei. Herr des Verfahrens sei aber der Gerichtsvollzieher. Für Tina Wagner, Sprecherin der Initiative Yorck 59, steht weiter fest: "Freiwillig gehen wir nicht!"
