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Bier,
Proteste und Gegrilltes Gut besuchte Demonstrationen und
Feiern zum 1. Mai / Ausschreitungen in der
Walpurgisnacht Von Lorenz
Matzat Von einem »perversen System« sprach
Olivier Höbel. Der IG-Metall Bezirksleiter war Hauptredner auf der
Mai-Demonstration des DGB. Auf der Bühne vor dem roten Rathaus hielt er
eine Rede gegen die steigenden Managergehälter auf der einen Seite und die
zunehmenden Entlassungen auf der anderen. Den Berliner Senat warnte er
davor, mit dem geplanten Betriebsreformgesetz den Kündigungsschutz
aufzuweichen. Höbel sprach von einem entschiedenen Widerstand der
Gewerkschaften gegen die Entwicklung zu einer »Tagelöhner«-Gesellschaft,
die er mit den Ein-Euro-Jobs heraufziehen sieht. Von den 10000
Teilnehmern der Demonstration, die zuvor im strahlenden Sonnenschein vom
Brandenburger Tor kamen, hörte nur der kleinere Teil zu. Transparente und
Fahnen zusammengerollt, labten sich zur frühen Mittagszeit viele an Bier
und Gegrilltem. Die Stände der Einzelgewerkschaften und Sozialinitiativen
auf dem Maifest fanden großes Interesse. Begehrt waren vor allem Plätze im
Schatten. 350 Gewerkschafter waren zu Beginn mit einem Motorrad-Korso
durch die Stadt zum Kundgebungsplatz gelangt. Einen Stadtteil weiter,
im nördlichen Kreuzberg, kam das Myfest in Fahrt. Tausende Menschen
strömten dort durch die Straßen. Den größten Teil machten Jugendliche aus,
die den HipHop-Konzerten auf den Bühnen lauschten. Dazwischen traf man auf
andere kulturelle Darbietungen und kulinarische Delikatessen. Auf dem
Mariannenplatz selbst tummelten sich viele Familien mit Kindern. Eine
Ökumene von politischen Gruppierungen hatte hier ihre Stände nebeneinander
aufgebaut: Von Kommunisten über Trotzkisten bis zur PDS, der
Wahlalternative und Grünen fand sich nahezu jede Schattierung. Über allen
lagen die Schwaden der Grills, auf denen türkische und arabische Gerichte
zubereitet wurden. Am Rande des Festareals nahm am frühen Nachmittag
eine »Revolutionäre 1. Mai-Demonstration« Aufstellung. Mao-Fahnen wehten
neben Köpfen von Marx und Lenin, 400 Teilnehmer zogen dann nach Neukölln.
Wenig später traf im »Waldekiez« eine andere Demonstration des
Hausprojekts Yorckstraße 59 ein. 500 Teilnehmer protestierten gegen die
mögliche Räumung des Projekts und erklärten sich solidarisch mit den knapp
1000 Bewohnern der 22 Häusern in der Waldemarstraße, die der Senat
verkaufen will. Bis zum frühen Abend kam es nicht zu
Auseinandersetzungen zwischen Demonstranten und Polizei. Die um den
Kreuzberger Kiez in Position gebrachten Einsatzkräfte und Wasserwerfer
blieben im Hintergrund, nur Zivilbeamte mit Polizeiweste knöpften sich
gezielt jugendliche Besucher vor und nahmen Personalien auf. Ganz
anders als am Sonnabend, am Mauerpark in Prenzlauer Berg oder auf dem
Boxhagener Platz in Friedrichshain. Tausende Einsatzkräfte begannen dort
schon am frühen Nachmittag damit, die Gegenden um die möglichen
»Gefahrenzonen« abzusperren. Die Besucher der Feiern und Kundgebungen in
der Walpurgisnacht wurden von Polizisten auf Glasflaschen und andere
Wurfgegenstände durchsucht. Am späteren Sonnabendabend kam es in
Friedrichshain dann zu Rangeleien zwischen Polizei und Besuchern der
beendeten Veranstaltung gegen »Yuppisierung und Umstrukturierung«. Während
der Platz geräumt wurde, drang ein Sondereinsatzkommando der Polizei mit
einem Rammbock in ein linkes Hausprojekt am Boxhagener Platz ein, weil
sich einige Personen auf dem Dach aufhielten. Laut Polizeiangaben kam es
in der Nacht zu 65 vorübergehenden Festnahmen.
(ND 02.05.05) |