ND vom 02.05.05     Druckausgabe eines Artikels

Bier, Proteste und Gegrilltes
Gut besuchte Demonstrationen und Feiern zum 1. Mai / Ausschreitungen in der Walpurgisnacht 
 
Von Lorenz Matzat 
 
Von einem »perversen System« sprach Olivier Höbel. Der IG-Metall Bezirksleiter war Hauptredner auf der Mai-Demonstration des DGB. Auf der Bühne vor dem roten Rathaus hielt er eine Rede gegen die steigenden Managergehälter auf der einen Seite und die zunehmenden Entlassungen auf der anderen. Den Berliner Senat warnte er davor, mit dem geplanten Betriebsreformgesetz den Kündigungsschutz aufzuweichen. Höbel sprach von einem entschiedenen Widerstand der Gewerkschaften gegen die Entwicklung zu einer »Tagelöhner«-Gesellschaft, die er mit den Ein-Euro-Jobs heraufziehen sieht.
Von den 10000 Teilnehmern der Demonstration, die zuvor im strahlenden Sonnenschein vom Brandenburger Tor kamen, hörte nur der kleinere Teil zu. Transparente und Fahnen zusammengerollt, labten sich zur frühen Mittagszeit viele an Bier und Gegrilltem. Die Stände der Einzelgewerkschaften und Sozialinitiativen auf dem Maifest fanden großes Interesse. Begehrt waren vor allem Plätze im Schatten. 350 Gewerkschafter waren zu Beginn mit einem Motorrad-Korso durch die Stadt zum Kundgebungsplatz gelangt.
Einen Stadtteil weiter, im nördlichen Kreuzberg, kam das Myfest in Fahrt. Tausende Menschen strömten dort durch die Straßen. Den größten Teil machten Jugendliche aus, die den HipHop-Konzerten auf den Bühnen lauschten. Dazwischen traf man auf andere kulturelle Darbietungen und kulinarische Delikatessen. Auf dem Mariannenplatz selbst tummelten sich viele Familien mit Kindern. Eine Ökumene von politischen Gruppierungen hatte hier ihre Stände nebeneinander aufgebaut: Von Kommunisten über Trotzkisten bis zur PDS, der Wahlalternative und Grünen fand sich nahezu jede Schattierung. Über allen lagen die Schwaden der Grills, auf denen türkische und arabische Gerichte zubereitet wurden.
Am Rande des Festareals nahm am frühen Nachmittag eine »Revolutionäre 1. Mai-Demonstration« Aufstellung. Mao-Fahnen wehten neben Köpfen von Marx und Lenin, 400 Teilnehmer zogen dann nach Neukölln. Wenig später traf im »Waldekiez« eine andere Demonstration des Hausprojekts Yorckstraße 59 ein. 500 Teilnehmer protestierten gegen die mögliche Räumung des Projekts und erklärten sich solidarisch mit den knapp 1000 Bewohnern der 22 Häusern in der Waldemarstraße, die der Senat verkaufen will.
Bis zum frühen Abend kam es nicht zu Auseinandersetzungen zwischen Demonstranten und Polizei. Die um den Kreuzberger Kiez in Position gebrachten Einsatzkräfte und Wasserwerfer blieben im Hintergrund, nur Zivilbeamte mit Polizeiweste knöpften sich gezielt jugendliche Besucher vor und nahmen Personalien auf.
Ganz anders als am Sonnabend, am Mauerpark in Prenzlauer Berg oder auf dem Boxhagener Platz in Friedrichshain. Tausende Einsatzkräfte begannen dort schon am frühen Nachmittag damit, die Gegenden um die möglichen »Gefahrenzonen« abzusperren. Die Besucher der Feiern und Kundgebungen in der Walpurgisnacht wurden von Polizisten auf Glasflaschen und andere Wurfgegenstände durchsucht. Am späteren Sonnabendabend kam es in Friedrichshain dann zu Rangeleien zwischen Polizei und Besuchern der beendeten Veranstaltung gegen »Yuppisierung und Umstrukturierung«. Während der Platz geräumt wurde, drang ein Sondereinsatzkommando der Polizei mit einem Rammbock in ein linkes Hausprojekt am Boxhagener Platz ein, weil sich einige Personen auf dem Dach aufhielten. Laut Polizeiangaben kam es in der Nacht zu 65 vorübergehenden Festnahmen.

(ND 02.05.05)

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